Geschichte 3
Es war wieder einer jener Tage, an denen nichts so lief, wie es sollte. Der Gong hatte zum dritten Mal an diesem Morgen seinen Dienst verweigert, und irgendwo im Schulgarten versuchte ein Schüler erfolglos, einen Vogel mit einer Matheformel zu beeindrucken. Kurz gesagt: Alles war normal. Bis auf eine Kleinigkeit.
„Die Wanduhr aus der Aula ist weg!“, rief Einmal noch und ich werde…, der Schulleiter, mit derartiger Inbrunst, dass man fast hätte glauben können, die Wanduhr sei das Herz der Schule. „Einfach weg! Die Schrauben hängen noch in der Wand, aber die Uhr ist futsch!“
„Vielleicht ist sie in der Zeit verschwunden“, murmelte Freddy, der Schulsozialarbeiter, ohne den Blick von seiner Kaffeetasse zu heben. „Kann ich ihr nicht verübeln. Wenn ich jeden Tag das Geschnatter von 380 Kindern und 36 LehrerInnen hören müsste, würde ich auch das Weite suchen.“
„Freddy“, sagte Einmal noch und ich werde… mit einem Ton, der irgendwo zwischen Resignation und einem letzten Versuch lag, Autorität auszustrahlen, „eine Wanduhr verschwindet nicht einfach.“
„Vielleicht nicht. Aber sie könnte sich in den Ruhestand begeben haben“, bemerkte Sabina. Sie stand wie immer aufrecht da, mit jener unschuldigen Logik, die Menschen entweder verstörte oder erleuchtete, manchmal beides.
„Oder... vielleicht hat sie einfach beschlossen, dass Zeit relativ ist und nicht länger von Menschen gezählt werden sollte.“
Alle drehten sich um. Da war er wieder: der Geist der Schule.
Der Geist erschien in seiner gewohnt eigenwilligen Gestalt, diesmal mit einer Taschenuhr in der Hand, die er wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Ära betrachtete. Neben ihm schwebte, wie könnte es anders sein, das Skelett eines Hamsters, das mit einer winzigen Geste einen imaginären Hut zog.
„Du weißt, wo die Uhr ist?“, fragte Einmal noch und ich werde… mit einem resignierten Seufzen. Er hatte den Verdacht, dass dies ein weiterer jener Tage war, die seine Karriere um einige Jahre verkürzen würden.
„Natürlich. Sie ist... nicht mehr in dieser Ebene des Seins.“
„Heißt das, sie ist kaputt?“, fragte Freddy hoffnungsvoll.
„Nicht kaputt“, korrigierte der Geist. „Sie wurde von den Schülern des Kunstkurses für ein Projekt entwendet. Sie nannten es ,Die Dekonstruktion von Zeit und Autorität in modernen Bildungseinrichtungen‘. Ziemlich beeindruckend, wenn ihr mich fragt. Kreativ. Unsinnig, aber kreativ.“
Einmal noch und ich werde… stöhnte. „Und wo ist sie jetzt?“
„Im Kunstraum. Sie wurde... nun ja, dekonstruiert. Sie hängt jetzt in Einzelteilen von der Decke, umgeben von einem Haufen Papierschnipsel, die angeblich die zerbrechliche Natur des Wissens symbolisieren sollen.“
„Das ist doch nicht zu fassen!“, rief Einmal noch und ich werde…. „Warum sagt mir das keiner?“
„Nun“, begann der Geist, während sein Hamsterskelett zustimmend nickte, „es war wohl niemand bereit, die Konsequenzen für den kreativen Umgang mit Schulmaterialien zu tragen. Das ist das Schöne an Schulen: Es gibt immer jemanden, der mehr Angst vor dem Chef hat als Respekt vor der Kunst.“