Geschichte 13
Freddy saß in einem der klapprigen Stühle des Sozialarbeiterbüros, dessen Design offenbar von jemandem stammte, der die Worte „Sitzkomfort“ und „Haltungsschaden“ verwechselt hatte.
Vor ihm stand Kevin, ein Fünftklässler mit der Miene eines Jungen, der wusste, dass er Ärger hatte, aber nicht genau sicher war, ob er sich darüber freuen sollte.
„Also“, begann Freddy und rieb sich das Kinn. „Du hast einen Tintenfisch in den Ranzen von Frau Bögenhauer gesteckt.“
„War ein kleiner Tintenfisch“, sagte Kevin und zuckte die Schultern.
„Das ist eine wichtige Information“, sagte Freddy trocken. „Kevin, ich bin sicher, dass Frau Bögenhauer keinen lebenden Tintenfisch meinte. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass sie sich eher eine Beschreibung, vielleicht eine Zeichnung vorgestellt hat. Ganz sicher keinen... echten.“
Kevin schob die Hände in die Taschen und grinste verlegen. „Aber ich dachte, das wäre anschaulicher.“
„In der Tat anschaulich“, donnerte der Geist der Schule, der sich nun langsam kopfüber von der Decke herabsenkte wie ein makaberer Kronleuchter. „Das Geschrei von Frau Bögenhauer war bemerkenswert. Sie klingt fast wie der Feueralarm.“
„Nicht hilfreich, Geist“, murmelte Freddy und winkte ab.
Kevin starrte den Geist an. „Der kann reden?“
„Nur wenn er nicht schweigt“, murmelte Freddy und fragte: „Kevin, weißt du, was ein Kompromiss ist?“
Kevin dachte kurz nach und zog eine Grimasse. „Das ist, wenn man so tut, als wäre man einverstanden, aber eigentlich macht, was man will?“
„Fast richtig.“ Freddy schnaubte, schob den Stuhl zurück und stand auf. „Ein Kompromiss ist, wenn du dich nächstes Mal dafür entscheidest, etwas anzufertigen, das keine Gliedmaßen hat und sich auf einem DIN-A4 Blatt befindet. Wo hast du den Tintenfisch überhaupt herbekommen?“
Kevin blinzelte unschuldig. „Von meinem Cousin. Der arbeitet im Fischladen.“
„Natürlich“, murmelte Freddy. „Hätte ich mir denken können.“
„Er hat einen schönen Lagerbestand“, fügte der Geist hinzu, während sein Hamsterskelett in Kevins Richtung nickte.
„Okay, Kevin. Das machen wir jetzt so: Du entschuldigst dich bei Frau Bögenhauer. Du erklärst ihr, dass du ihren Unterricht nur bereichern wolltest, was irgendwie stimmt, nehme ich an, und du versprichst, nie wieder ein Tier in die Schule zu bringen.“
Kevin hob eine Augenbraue. „Aber was ist mit den Hühnern?“
Freddy starrte ihn an. „Hühner?!“
Kevin zuckte die Schultern. „Die sind für das Bio-Projekt nächste Woche.“
„Nein, keine Hühner“, sagte Freddy entschieden. „Sag einfach, du bringst... eine Pflanze mit. Oder besser noch, ein Bild einer Pflanze. Lebendig genug.“
Kevin wirkte enttäuscht, nickte aber schließlich. „Na gut. Aber ich darf die Pflanze auch benennen, oder?“
Freddy seufzte. „Von mir aus.“
Kevin grinste breit. „Dann nenne ich sie Tintenfisch.“
Freddy rieb sich wieder das Kinn und sah Kevin einen Moment lang an, bevor er schließlich resigniert lachte. „Weißt du was, Kevin? Es gibt Tage, an denen ich denke, du wirst mal Premierminister. Oder zumindest jemand, der die Regeln schreibt, an die sich keiner halten will.“