Geschichte 31. Die Konferenz des selbstorganisierten Lernens
Das Lehrerzimmer sah aus, als habe es selbstorganisiert beschlossen, nicht mehr aufgeräumt zu werden. Auf den Tischen standen Kaffeetassen, Protokolle und ein Schild: „Bitte keine Tassen im Kopierraum abstellen.“
Freddy saß am Rand des Konferenztisches. Sabina hatte diesen Blick, den Schulsozialarbeiterinnen bekommen, wenn viel über Kinder gesprochen wird, ohne dass ein Kind anwesend ist.
Auf der Tagesordnung stand: TOP 3: SOL. Selbstorganisiertes Lernen. Darunter handschriftlich: Wer organisiert das? Und darunter in anderer Handschrift: Bitte nicht ich.
Herr „Einmal noch und ich werde ...“, der Schulleiter, stand am Whiteboard. „Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schulsozialarbeit. Wir haben uns als Schule auf den Weg gemacht.“ Ein Stöhnen ging durch den Raum. Wenn eine Schule sich auf den Weg gemacht hatte, wusste meist niemand, wo der Weg endete, aber Fortbildungen waren schon gebucht.
„Es geht um SOL. Besonders die Alemannenschule Wutöschingen hat uns wichtige Impulse gegeben.“ Frau Begeistert nickte. „Lernateliers, Verantwortung, individuelle Wege, Vertrauen in die Kinder. Da sieht man, was möglich ist.“
Herr Skeptisch verschränkte die Arme. „Vertrauen ist gut. Aber wer kontrolliert, ob das Vertrauen die Aufgaben gemacht hat?“
Freddy hob die Hand. „Vielleicht geht es nicht darum, Kontrolle abzuschaffen, sondern Verantwortung anders zu denken.“
Herr Zynik murmelte: „Das kann man auch, während die Siebte mit Linealen Fechtunterricht spielt.“
Sabina lächelte. „Vielleicht fechten sie mit Linealen, weil sie in Mathe seit Wochen nur erleben, dass sie nichts können.“ Für einen Moment war es still. Dann flackerte der Beamer.
Aus dem Licht trat der Geist der Schule. Er trug einen Mantel aus alten Vertretungsplänen, Kreidestaub auf den Schultern und eine Kette aus verlorenen USB-Sticks um den Hals. In der Hand hielt er eine Tafel Schokolade mit der Aufschrift: „Nur für Notfälle im Kollegium.“ Sie war halb leer.
„Ich hörte das Wort Selbstorganisation“, sagte der Geist. „Da dachte ich, ich erscheine lieber organisiert.“
Der Schulleiter schloss kurz die Augen. „Nicht jetzt.“
„Gerade jetzt“, sagte der Geist. „Ihr redet über Kinder, die sich selbst organisieren sollen, während ihr seit zwölf Minuten diskutiert, wer das Protokoll schreibt.“
Alle sahen auf den freien Platz am Tischende. Dort lag der Protokollbogen. Unberührt. Wie ein Mahnmal.
Frau Neutral hob die Hand. „Ich bin offen, aber ich brauche klare Strukturen.“
„Natürlich“, sagte der Geist. „Selbstorganisation ohne Struktur ist wie Wandertag ohne Ziel.“
„Das ist uns nur einmal passiert“, sagte der Schulleiter.
„Zweimal“, sagte Freddy.
„Einmal offiziell“, sagte der Schulleiter.
Der Geist schrieb an das Whiteboard:
SOL ist nicht: Macht mal.
SOL ist: Ich traue dir etwas zu und lasse dich dabei nicht allein.
Sabina nickte. „Kinder brauchen Freiheit, aber auch Beziehung. Sonst wird aus Selbstorganisation schnell Selbstüberforderung.“
Frau Begeistert strahlte. „Wir könnten Lernzeiten, Wochenpläne und Reflexionsgespräche einrichten.“
Herr Skeptisch sah aus, als hätte sie vorgeschlagen, das Dach mit Schülerfeedback zu decken. „Und wann unterrichten wir dann?“
„Vielleicht manchmal genau dann, wenn ihr nicht redet.“
Das war ein gefährlicher Satz. In Konferenzen gelten solche Sätze als offener Angriff.
Herr Zynik lehnte sich zurück. „Am Ende sitzen die Kinder im Lernatelier, nennen Nichtstun Eigenverantwortung, und wir dokumentieren das digital.“
„Das wäre immerhin fächerübergreifend“, sagte Freddy.
Einige lachten. Der Schulleiter nutzte das Lachen. „Wir brauchen keinen Glaubenskrieg. Wir brauchen einen Anfang.“
„Eine kleine Revolution“, sagte Sabina. „Mit Pausenaufsicht.“
Der Geist klatschte. „Ausgezeichnet. Eine pädagogische Revolution mit Aufsichtsplan. Das ist sehr deutsch und daher durchführbar.“
Nun meldete sich Frau Praxis, die selten sprach, aber wenn sie sprach, wurde es konkret. „Wir starten in Jahrgang 7 mit zwei festen SOL-Stunden. Klare Materialien, klare Ziele, Reflexionsbogen, feste Ansprechpartner. Nach sechs Wochen schauen wir, was funktioniert.“
„Und was nicht funktioniert“, sagte Herr Skeptisch.
Freddy notierte: „Die Kinder müssen lernen, wie man plant, Hilfe holt und merkt, dass man sich selbst austrickst.“
Dann fragte jemand: „Wer erstellt die Materialien?“ Sofort senkten sich mehrere Blicke in Tassen und Taschen.
Der Geist seufzte. „Der heilige Moment jeder Innovation. Alle finden es wichtig, bis es eine Datei braucht.“
Sabina hob die Hand. „Eine kleine Gruppe entwickelt den Rahmen. Andere geben Rückmeldung. Und wir holen die Schüler mit rein.“
„Bildung ist riskant“, sagte der Geist. „Sonst hieße sie Verwaltung.“
Der Schulleiter atmete tief durch. „Gut. Dann halten wir fest: Wir starten mit einem Pilotprojekt. Jahrgang 7. Zwei Stunden pro Woche. Ein kleines Team entwickelt die Struktur. Freddy und Sabina unterstützen bei Reflexion, Motivation und dem Bereich: Was mache ich, wenn ich nicht weiß, was ich machen soll?“
Der Geist ging zur Tür. „Dann ist es beschlossen. Ihr wollt Kindern Selbstorganisation beibringen.“
„Dann beginnt jetzt“, sagte der Geist.
„Womit?“, fragte Herr Skeptisch.
Der Geist zeigte auf den Protokollbogen. „Damit.“
Alle sahen auf das leere Blatt. Niemand bewegte sich. Dann nahm Herr Zynik den Stift. „Na gut. Damit die Zukunft nicht an der Handschrift scheitert.“
Und so geschah das erste Wunder des selbstorganisierten Lernens: Nicht die Kinder mussten anfangen. Sondern die Erwachsenen.
Der Geist verschwand im Beamer. Auf der Wand blieb ein Satz:
Selbstorganisation beginnt dort, wo niemand fragt, wer schuld ist, sondern jemand fragt, was der nächste Schritt ist.