Geschichte 17
In der Wilhelm-von-Maßstäbe-Gesamtschule, einem Bildungsbauwerk von solch epischer Mittelmäßigkeit, dass es nur durch seine schiere Normalität hervorstach, tobte das tägliche Chaos wie ein Sturm in einem Teekessel. Ein sehr großer Teekessel. Mit einem Loch im Boden. Und einem Geist. Aber dazu später mehr.
Herr Einmal noch und ich werde..., der Schulleiter mit dem beneidenswerten Talent, jedes Meeting in ein dreistündiges Abenteuer der Belanglosigkeit zu verwandeln, saß in seinem Büro. Das Büro war eine Mischung aus Bibliothek, Kleinkriegsschauplatz und Grabkammer für unvollendete Konzepte zur Schulreform.
Vor ihm standen Freddy, der Schulsozialarbeiter mit der Körpersprache eines dicken Windhunds auf Koffein, und Sabina, die Kollegin, die von einer irritierenden Mischung aus Enthusiasmus und Logik beseelt war. Beide hatten das Problem, dass sie das Pech hatten, kompetent zu wirken.
„Wir brauchen mehr Vernetzung mit den außerschulischen Partnern," verkündete Sabina mit der Entschlossenheit einer Frau, die noch nie auf einem Elternabend gewesen war.
Freddy kratzte sich am Kopf. „Ja, klingt gut. Ähm, aber wer sind die Partner eigentlich? Und können wir dabei etwas essen?“
„Freddy," seufzte Sabina. „Ich meine lokale Organisationen, Vereine, Kindergärten, die Polizei, vielleicht das Jugendamt usw..“
„Das letzte Mal, als das Jugendamt hier war, haben sie den Hausmeister in eine Gastfamilie einquartieren wollen. War eine peinliche Verwechslung.“
Sabina ignorierte den Geist, was eine bemerkenswerte Leistung war, da der Geist gerade dabei war, ein schwebendes Hamsterskelett in Richtung der Kaffeemaschine zu schicken.
„Ich denke, wir sollten ein Netzwerkmeeting organisieren," sagte Sabina. „Ein Treffen, bei dem wir die Ressourcen des Sozialraumes bündeln und gemeinsam neue Strategien entwickeln können.“
Freddy runzelte die Stirn. „Hört sich gefährlich nach Arbeit an.“
Herr Einmal noch und ich werde… hob eine Augenbraue und sagte: „Eine hervorragende Idee! Wir könnten einen Arbeitskreis gründen. Vielleicht mehrere. Aus ihm sprudelten unzählige Ideen:“
- „Zwischen Elternabend und Paralleluniversum: Wie wir Kommunikation mit allen Beteiligten überleben können.“ Strategien für den Umgang mit schwierigen Eltern und Lehrkräften, die glauben, sie wüssten alles besser.
- „Der Heilige Gral der Schülerhilfe: Wenn alle Ressourcen da sind, aber keiner sie nutzt.“ Wie kann man Angebote für Schüler*innen und Eltern so gestalten, dass sie wirklich angenommen werden?
- „Kaffee, Konflikte und Kooperation: Wie man multiprofessionelle Teams unter einem Dach vereint, ohne dass jemand auszieht.“ Erfolgsrezepte und Fettnäpfchen bei der Zusammenarbeit mit anderen Professionen.
- „Das magische Zeitmanagement: Eine Stunde hat 60 Minuten, aber offenbar nicht in der Schulsozialarbeit.“ Wie priorisieren wir, wenn alles Priorität hat?
- „Von TikTok bis Panini-Sammelheften: Wie man die Aufmerksamkeit von Schüler*innen gewinnt, ohne die Würde zu verlieren.“ Kreative Methoden für Workshops, die tatsächlich besucht werden.
- „SOS: Schüler ohne Selbstkontrolle. Notfallstrategien für den akuten Schulwahnsinn.“ Deeskalationstechniken und Ideen für die Arbeit mit besonders herausfordernden Schüler*innen.
- „Netzwerken im Nirgendwo: Wie finde ich Partner, die tatsächlich mit uns zusammenarbeiten wollen?“ Tipps zur Gewinnung und Pflege von außerschulischen Kooperationspartnern.
- „Regenbogen-Gefühle und Vulkan-Ausbrüche: Wie wir Schüler*innen bei emotionalen Achterbahnfahrten begleiten können.“ Umgang mit psychischen Belastungen und emotionalen Krisen bei Schüler*innen.
- „Wenn WhatsApp-Chatgruppen angreifen: Grenzen und Chancen der digitalen Kommunikation mit Eltern.“ Tools und Regeln für den digitalen Austausch.
- „Fördergelder, die uns im Schlaf entgleiten: Wie wir bürokratische Hürden als Sozialarbeiter*innen meistern können.“ Praktische Tipps zur Antragstellung und Zusammenarbeit mit Behörden.
- „Die große Flucht aus dem Klassenzimmer: Wenn Schüler verschwinden, aber die Verantwortung bleibt.“ Was tun bei Schulverweigerung, Unterrichtsverweigerung oder einfach nur Verweigerung?
- „Wie viele Köche verderben den Brei? Die Kunst, sich nicht in der Netzwerkarbeit zu verzetteln.“ Über die Balance zwischen hilfreicher Zusammenarbeit und endlosen Abstimmungsschleifen.
- „Gib dem Karpfen eine Aufgabe: Kreative Ideen für die Zusammenarbeit mit unkonventionellen Partnern.“ Wie man auch ungewöhnliche Partner ins Boot holt, sei es der örtliche Schrebergartenverein oder das Museum für skurrile Alltagsgegenstände.
- „Zwischen Klingel und Krisengespräch: Wie wir Schule verändern, ohne uns selbst zu verlieren.“ Reflexionen und Austausch über die langfristige Wirkung der Schulsozialarbeit.
- „Der Anti-Burnout-Baukasten: Netzwerken ohne Nervenkrise.“ Wie Netzwerktreffen stressfreier und produktiver gestaltet werden können.
Sabina lächelte und war noch nie so stolz auf ihren Chef. „Was für grandiose Ideen, allesamt! Wir sollten alle beherzigen.“
Der Schulleiter nickte weise, was eine Art war zu sagen, dass er manchmal von sich selbst überrascht ist.
„Ich werde den Elternbeirat informieren," sagte er. „Freddy, du kannst dich um die Nachbarschaftsvereine kümmern. Und Sabina, du... du machst diesen Enthusiasmus weiter. Das kommt immer gut an.“
Die Geschichte endet, wie es Geschichten an der Wilhelm-von-Maßstäbe-Gesamtschule oft tun: mit einem Netzwerkmeeting, das chaotischer verlief als ein Jahrmarkt im Schneesturm. Aber irgendjemand brachte Kekse mit, und das reichte für diesen Tag.23