Geschichte 11. Die Frage der Maßstäbe
Die Schule zur Unermüdlichen Bildung war schon immer ein wenig… speziell. Das lag weniger an den Schülern, die waren so chaotisch wie überall, als viel mehr an der Tendenz der Verwaltung, aus Kleinigkeiten epochale Entscheidungen zu machen. Die neueste Katastrophe, die drohte, die fragile Normalität der Schule zu zertrümmern, war die geplante Umbenennung.
„Wilhelm-von-Maßstäbe-Gesamtschule“, las Herr Einmal noch und ich werde… langsam von dem offiziellen Antrag vor, den das Schulamt mit einer Mischung aus Stolz und Ahnungslosigkeit vorgelegt hatte. „Das klingt… wichtig.“
„Das klingt wie ein Architekturbüro“, dachte Freddy. Er saß auf seinem üblichen Platz, dem wackligen Stuhl mit den angebissenen Armlehnen, der immer ein bisschen nach Abenteuer roch.
„Wilhelm von Maßstäbe war ein bedeutender Mathematiker!“, quakte Herr Adverbium Plenus, der auch als verwandelter Frosch an Dienstbesprechungen teilnahm. „Er hat angeblich das metrische System beeinflusst.“
„Großartig“, sagte Freddy. „Ein Mann, der es geschafft hat, dass wir jetzt wissen, wie lang ein Meter ist. Das wird die Schüler wirklich inspirieren.“
„Ich will ja nichts sagen, aber das metrische System wurde erst nach seinem Tod eingeführt. Wilhelm von Maßstäbe hat lediglich eine Sammlung von Holzlinealen verkauft. Ich denke, er wäre überrascht, dass er jetzt als ‚Visionär‘ gilt.“
Der Geist der Schule, begleitet von seinem schwebenden Hamsterskelett, flackerte in der Ecke des Raumes. Es war eine Angewohnheit von ihm, zu erscheinen, sobald historische Ungenauigkeiten aufkamen.
Im Lehrerzimmer wurde der Antrag lebhaft diskutiert. Herr Einmal noch und ich werde… bemühte sich, den Überblick zu behalten, während die Meinungen um ihn herum wie untrainierte Schnappschildkröten hin und her schnappten.
„Ich finde den Namen inspirierend“, sagte Frau Dörnte, die Deutschlehrerin, die schon immer ein Faible für das heroische Leiden in der Literatur hatte. „Es zeigt, dass Bildung klare Maßstäbe setzt.“
„Haben Sie mal gesehen, wie die Schüler mit Geodreiecken umgehen?“, fragte Freddy trocken. „Das einzige Maß, das die setzen, ist Chaos.“
„Ich verstehe nicht, warum wir uns überhaupt umbenennen müssen“, warf Herr Einmal noch und ich werde… ein. „Die Schule zur Unermüdlichen Bildung hat Tradition!“
„Ja, und unser alter Schulname klingt, als würden die Schüler nie das erreichen, was wir zu vermitteln versuchen“, murmelte Freddy. „Das finde ich gut.“
„Ich schlage ‚Schule des abnehmenden Wahnsinns‘ vor. Das wäre ehrlich.“
Nach Wochen des Streits, der Diskussionen und eines sehr fragwürdigen Wettbewerbs, bei dem Schüler Vorschläge einreichen durften18, verkündete das Schulamt stolz die Umbenennung.
„Wilhelm-von-Maßstäbe-Gesamtschule steht für Genauigkeit, Struktur und den Geist der Innovation“, las Herr Einmal noch und ich werde… mit einem Ausdruck vor, der verriet, dass er an diesem Morgen dringend einen stärkeren Kaffee gebraucht hätte.
„Und wie erklären wir den Schülern, wer Wilhelm von Maßstäbe war?“, fragte Sabina, die in ihrer Funktion als Schulsozialarbeiterin versuchte, den geistigen Schaden zu begrenzen.
„Ich sag ihnen, dass er die Erfindung des Lineals war“, sagte Freddy.
„Aber das ist doch viel zu wenig!“, protestierte Sabina.
„Na und? Glaubst du, das interessiert jemanden? Die Schüler denken, Pythagoras ist der Typ, der den Dönerladen an der Ecke betreibt.“
Der Geist, der alles mit belustigtem Desinteresse beobachtete, flackerte ein letztes Mal auf.
„Ich hätte mich über ‚Die Schule des schwebenden Hamsters‘ gefreut. Aber ich schätze, Maßstäbe zu setzen ist auch wichtig… wenn man weiß, wie man sie hält.“