Ludgerusschule Rhede (Ems) · Projekt Lager 3

Spuren im Moor Lebensgeschichten aus Lager III Brual-Rhede

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Eine digitale Erinnerungsreise · Jahrgang 8/9
Historische Aufnahme des Lagergeländes Lager III Brual-Rhede mit Baracken und Wegen
Historische Aufnahme des Lagergeländes Lager III Brual-Rhede.Bildnachweis: Ludgerusschule Rhede, Projekt Lager 3; Bilderseite: „Quelle: Privatsammlung Albert Vinke“. Die Einzelherkunft der NS-zeitlichen Aufnahme ist vor Weiterverwendung zu prüfen.

Was dich erwartet

Du betrittst ein digitales Archivzimmer. Darin liegen Fragmente: Aktenauszüge, Biografie­stücke, historische Informationen, Reflexions­fragen. Deine Aufgabe lautet: Rekonstruiere eine Lebensgeschichte. Finde heraus, was die Quellen zeigen, was offenbleibt und woran erinnert werden muss.

Fünf Räume

1 · Der Ort 2 · Das System 3 · Eine Biografie 4 · Arbeit & Alltag 5 · Erinnerung heute
Dauer: ca. 60–75 Minuten. Deine Eingaben werden im Browser gespeichert und können am Ende ausgedruckt werden.
Wichtig: Das Ausfüllen der Biografie-Karte in Raum 3 ist das Herzstück dieser Lerneinheit. Plane dafür bewusst Zeit ein.

Hinweis für Lehrkräfte

Für eine 60–75-Minuten-Einheit empfiehlt sich: Raum 1 und 2 zügig bearbeiten, Raum 3 deutlich länger einplanen und die Biografie-Karte als zentrales Arbeitsergebnis sichern. Raum 5 sollte als gemeinsames Nachgespräch abgeschlossen werden.

Vorschlag für das Einführungsgespräch

Heute arbeitet ihr mit Lebensgeschichten realer Menschen. Die Texte beruhen auf historischen Akten. Akten zeigen viel, aber nie den ganzen Menschen. Unser Ziel ist nicht, möglichst schnell fertig zu werden. Unser Ziel ist, sorgfältig zu rekonstruieren und würdig zu erinnern. Das wichtigste Ergebnis ist eure Biografie-Karte.

Erwartungshorizont für Lehrkräfte
RaumErwartbare Erkenntnis
Raum 1Lager III wechselte von geplanter KL-Funktion zu einem Strafgefangenenlager unter Justizverwaltung.
Raum 2Die Emslandlager waren ein System mit wechselnden Funktionen zwischen 1933 und 1945.
Raum 3Biografien lassen sich aus Quellen rekonstruieren, bleiben aber lückenhaft.
Raum 4Haft bedeutete Zwangsarbeit, körperliche Belastung, Entrechtung und Gewalt.
Raum 5Erinnerung ist lokale Verantwortung und muss immer wieder aktiv gestaltet werden.
Differenzierung

Für unterstützungsbedürftige Gruppen: nur eine Biografie bearbeiten, Hilfekarten verpflichtend nutzen, Partnerlesen einsetzen, Audio zuerst hören und anschließend den Text lesen, Biografie-Karte mit Satzanfängen ausfüllen.

Für stärkere Gruppen: zwei Biografien vergleichen, Quellenkritik vertiefen, lokale Erinnerungskultur beurteilen oder eine eigene Frage an die Gedenkstätte formulieren.

Hinweis : Die Texte in dieser Lerneinheit beschreiben reale Menschen und reales Leid. Sie basieren auf Originalakten des Niedersächsischen Landesarchivs Osnabrück, bereitgestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen. Lies aufmerksam – und lies mit Respekt.

Raum 1 · Der Ort

Was war das Lager III Brual-Rhede?

In der Gemeinde Rhede im Emsland, unweit der niederländischen Grenze, befand sich zwischen 1933 und 1945 das Strafgefangenenlager III Brual-Rhede. Es war eines von insgesamt fünfzehn Lagern, die das NS-Regime im Emsland errichtete – auf damals weitgehend unbewohntem Moorgebiet, fernab von Städten, schwer einsehbar.

Das Lager wurde 1933 zunächst als Konzentrationslager für bis zu 1.000 Häftlinge geplant. Ab Mai 1934 übernahm die Reichsjustizverwaltung die Kontrolle und nutzte es als Strafgefangenenlager. Die ersten Bewacher waren SA-Einheiten – später übernahmen Justizbeamte. Die Häftlinge kamen nicht mehr nur wegen ihrer politischen Überzeugung ins Lager: Unter ihnen waren auch verurteilte Strafgefangene, Männer, die gegen NS-Gesetze verstoßen hatten, oft wegen Handlungen, die in einem anderen politischen System keine Straftaten gewesen wären.

Zur Erinnerung · Lage

Das Lager befand sich auf dem Gebiet der Gemeinde Rhede, nahe dem Ort Brual. Heute erinnert ein Gedenkort an diesem Platz an die Geschichte des Lagers und die Menschen, die dort inhaftiert waren. Der Erinnerungsort wurde durch die Initiative von Albert Vinke, mit Unterstützung der Gedenkstätte Esterwegen, der Gemeinde Rhede und des Landkreises Emsland neu gestaltet.

Was du wissen solltest: Begriffe

Aufgabe 1 Pflicht
Klicke auf einen Begriff, um seine Erklärung zu lesen. Merke dir die Unterschiede – sie werden in den nächsten Räumen wichtig.
Konzentrationslager (KL)
Lager, in denen politische Gegner des NS-Regimes ohne Gerichtsurteil eingesperrt wurden. War der SS unterstellt. Häftlinge wurden als „Staatsfeinde" bezeichnet. Ab 1936 wurden KL systematisch für Massenverfolgung genutzt.
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Strafgefangenenlager
Lager unter der Reichsjustizverwaltung für verurteilte Häftlinge. Ein Gerichtsurteil war Voraussetzung. Lager III Rhede/Brual war ab 1934 ein solches Lager. Die Inhaftierten hatten formal rechtlichen Status als Strafgefangene – de facto waren die Bedingungen ähnlich brutal wie in KL.
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Zwangsarbeit
Arbeit, die unter Androhung von Gewalt und ohne Entlohnung geleistet werden musste. In Lager III arbeiteten Häftlinge im Torfabbau, beim Entwässern von Moorflächen, beim Straßenbau und beim Ausbau des Brualer Schlootes. Arbeitszeiten: 8 bis 12 Stunden täglich.
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Wehrkraft­zersetzung
Ein NS-Straftatbestand (§ 5 KSSVO, 1939): Wer durch Wort, Schrift oder Tat die Kampfbereitschaft des deutschen Militärs untergrabe, konnte mit Zuchthaus oder Tod bestraft werden. Betroffen waren u. a. Soldaten, die in Briefen Kriegsmüdigkeit äußerten – wie Luzian West.
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Zuchthaus
Die schwerste Freiheitsstrafe im deutschen Recht. Zuchthausstrafen bedeuteten Zwangsarbeit, Ehrverlust und strenge Haftbedingungen. In den Emslandlagern verbüßten viele Verurteilte ihre Zuchthausstrafen unter Bedingungen, die ihre Gesundheit zerstörten.
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Denunziation
Anzeige oder Meldung von Mitbürgern an Behörden oder Partei. Im NS-Staat verbreitete Praxis: Nachbarn, Arbeitskollegen oder Bekannte zeigten andere an – aus Überzeugung, Angst oder persönlichem Vorteil. Michael Peschinas Arbeitskollege verriet ihn, weil er ausländisches Radio gehört hatte.
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Aufgabe 2 · Einordnen Pflicht
Ordne jede Aussage der richtigen Lagerart zu: Konzentrationslager, Strafgefangenenlager oder Beide.
Klicke auf deine Antwort — dann auf „Auswerten".
Für die Inhaftierung war kein Gerichtsurteil notwendig.
Konzentrationslager. Im KL wurden Menschen ohne Urteil eingesperrt — allein die Einschätzung der SS oder Gestapo genügte. Im Strafgefangenenlager musste ein Gerichtsurteil vorliegen.
Die Häftlinge hatten ein festes Strafmaß und konnten nach Verbüßen der Strafe entlassen werden.
Strafgefangenenlager. Michael Peschina wurde nach Verbüßen seiner Strafe entlassen. Im KL gab es keine definierte Haftzeit — Entlassung war Willkür.
Die Häftlinge wurden als „Staatsfeinde" bezeichnet — nicht als Verurteilte.
Konzentrationslager. Im KL hatte die Einlieferung nichts mit Recht zu tun — politische Gegner wurden als „Feinde" deklariert. Im Strafgefangenenlager galt zumindest formal das Strafrecht.
Die Verwaltung unterstand dem Reichsjustizministerium.
Strafgefangenenlager. Ab 1934 übernahm die Reichsjustizverwaltung mehrere Emslandlager. Die frühen KL unterstanden SS und SA — außerhalb des regulären Rechts.
Zwangsarbeit — oft im Moor — gehörte zum Alltag der Gefangenen.
Beide. Egal ob KL oder Strafgefangenenlager — alle Häftlinge in den Emslandlagern mussten Zwangsarbeit leisten: Torfabbau, Entwässerung, Straßenbau.
Lager III Brual-Rhede gehörte ab 1934 zu dieser Lagerkategorie.
Strafgefangenenlager. Lager III Rhede/Brual wurde 1933 noch als KL geplant, aber ab Mai 1934 als Strafgefangenenlager unter Justizverwaltung geführt.
Quellen: Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück, Gedenkstätte Esterwegen, Ludgerusschule Rhede – Projekt Lager 3 (ludgerusschule-rhede.de/projekt-lager-3)

Raum 2 · Das System

Warum entstanden die Emslandlager – und was verband sie?

Lager III Brual-Rhede war kein Einzelfall. Es war Teil eines Systems aus fünfzehn Lagern, die das NS-Regime zwischen 1933 und 1945 im dünn besiedelten Emsland errichtete. Die Abgeschiedenheit war kein Zufall: Das Moor schuf natürliche Isolation. Die Häftlinge sollten „Kulturarbeit" leisten – Entwässerung und Urbarmachung eines Landstrichs, der bis dahin kaum bewohnt war.

Die Lager veränderten sich über die Zeit: ihre Funktion, ihre Bewohner, ihre Verwaltung. Heute steht in Esterwegen eine Gedenkstätte, die an alle fünfzehn Lager erinnert.

Karte der Emslandlager im Grenzraum zu den Niederlanden
Karte der Emslandlager.Bildnachweis: Ludgerusschule Rhede, Projekt Lager 3. Die Projektseite nennt als Quellen u. a. Gedenkstätte Esterwegen, DIZ Papenburg und Fachliteratur. Einzelrechte der Kartengrafik vor Weiterverwendung prüfen.
Europakarte mit Wegen von Gefangenen und Lagerstandorten
Europakarte mit Wegen von Gefangenen und Lagerstandorten.Bildnachweis: Ludgerusschule Rhede, Projekt Lager 3. Einzelherkunft und Rechte der Kartengrafik vor Weiterverwendung prüfen.
Aufgabe 2 · Zeitstrahl Pflicht
Klicke auf ein Jahr, um mehr über diese Phase der Emslandlager zu erfahren.
1933
Erste Konzentrationslager im Emsland
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Nach der Machtübernahme 1933 errichtete das NS-Regime die ersten Konzentrationslager im Emsland: Esterwegen (Lager I), Börgermoor (Lager II) und Neusustrum (Lager III, später umbenannt). Die Häftlinge waren vor allem politische Gegner – Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter. Im Lager Börgermoor entstand 1933 das Moorsoldatenlied. Es wurde von Häftlingen geschaffen und später zu einem internationalen Symbol von Leid, Selbstbehauptung und Widerstand. Hintergrund zum Moorsoldatenlied beim DIZ öffnen
1934
Übernahme durch die Justizverwaltung
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Ab 1934 übernahm das Reichsjustizministerium mehrere Lager von der SS und nutzte sie als Strafgefangenenlager. Lager III Brual-Rhede (heute: Rhede) war ab Mai 1934 eines davon. Die Häftlinge waren nun verurteilte Strafgefangene – Menschen, die gegen NS-Gesetze verstoßen hatten. Die Bedingungen blieben hart: Zwangsarbeit, schlechte Verpflegung, fehlende medizinische Versorgung.
1939
Kriegsbeginn: neue Häftlingsgruppen
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Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 veränderten sich die Emslandlager erneut. Mehrere Lager wurden für Kriegsgefangene genutzt – vor allem polnische und sowjetische Gefangene, die unter besonders unmenschlichen Bedingungen gehalten wurden. Gleichzeitig kamen neue Häftlingsgruppen in die Strafgefangenenlager: Deserteure, Soldaten, die sich „Wehrkraftzersetzung" schuldig gemacht hatten, und Menschen aus besetzten Ländern.
1944/45
Rüstungsarbeit, Räumung, Kriegsende
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In der Endphase des Krieges wurden viele Häftlinge zur Rüstungsarbeit eingesetzt. Als die Alliierten vorrückten, wurden die Lager geräumt – viele Häftlinge starben auf Todesmärschen. Lager III Brual-Rhede wurde im Frühjahr 1945 befreit. Was blieb: Akten in Archiven, Erinnerungen der Überlebenden – und Spuren im Moor.
Zeitzeugenstimme · Alfred Weidenmüller

Der politische Häftling Alfred Weidenmüller wurde 1937 mit etwa 300 weiteren Gefangenen nach Brual-Rhede eingeliefert. In seiner Erinnerung beschreibt er wöchentliche Erniedrigungen vor der Kommandantur. Ein kurzer, quellenkritisch zu besprechender Ausschnitt lautet: „Du bist ein Herrenhund, und ich ein Schweinehund.“

Quelle: DIZ Emslandlager, Lager III Brual-Rhede. Die Aussage sollte nicht nachgespielt werden, sondern als Quelle über Lagergewalt, Demütigung und Machtverhältnisse gelesen werden.

Die fünfzehn Emslandlager

Esterwegen · Börgermoor · Neusustrum · Brual-Rhede · Walchum · Oberlangen · Versen · Groß Hesepe · Bathorn · Fullen · Wietmarschen · Alexisdorf · Aschendorfermoor · Dalum · Wesuwe — alle im heutigen Landkreis Emsland, Niedersachsen.

Aufgabe 3 · Synthese Vertiefung
Vervollständige die Sätze auf Grundlage des Zeitstrahls. Formuliere in eigenen Worten — nicht abschreiben, sondern zusammenfassen.
Hilfekarte

Denke an drei Ebenen: Wer war im Lager? Wer verwaltete das Lager? Welche Funktion hatte das Lager? Beginne zum Beispiel mit: „Verändert hat sich …“ oder „Gleich blieb …“.

Was sich an den Emslandlagern zwischen 1933 und 1945 veränderte:
Was sich nicht veränderte:
Eine Frage, die ich nach diesem Zeitstrahl noch habe:
Quellen: Gedenkstätte Esterwegen (gedenkstaette-esterwegen.de), Niedersächsisches Landesarchiv, Ludgerusschule Rhede – Projekt Lager 3

Raum 3 · Eine Biografie rekonstruieren

Was können wir über das Leben eines Menschen aus Lager III erfahren – und was bleibt offen?

In diesem Raum wählst du eine Person aus, deren Akte im Niedersächsischen Landesarchiv Osnabrück erhalten ist. Die Texte wurden von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede auf Grundlage der Originalakten erarbeitet. Du liest die Biografie in Abschnitten – und füllst gleichzeitig eine Biografie-Karte aus.

Arbeitsfokus

Nimm dir für diesen Raum besonders viel Zeit. Die Biografie-Karte ist das wichtigste Arbeitsergebnis dieser Lerneinheit. Lies nicht nur weiter, sondern halte nach jedem Abschnitt fest: Was weiß ich jetzt über die Person? Was bleibt offen?

Akten zeigen nicht alles

Eine Akte zeigt, was Behörden über einen Menschen festgehalten haben. Sie zeigt nicht den ganzen Menschen. Deshalb ist Biografiearbeit immer auch vorsichtiges Fragen: Was sehen wir? Was fehlt? Wer spricht in der Quelle?

Was bedeutet die Quellenangabe?

Nds. Landesarchiv Osnabrück: Dort werden historische Akten aufbewahrt. Rep. / Akz. / Nr.: Das ist eine Art Adresse, mit der man eine bestimmte Akte wiederfinden kann. Gedenkstätte Esterwegen: Sie hat die Akten für das Schulprojekt bereitgestellt.

Wer spricht in der Akte?

Viele Informationen stammen aus Gerichts- oder Gefangenenakten. Diese Akten wurden von Behörden erstellt. Sie zeigen oft die Sicht der Justiz oder Verwaltung, nicht unbedingt die Sicht der betroffenen Person. Achte deshalb darauf, wer etwas aufgeschrieben hat und wessen Stimme fehlt.

Satzanfänge für vorsichtiges Arbeiten

Du darfst ausdrücklich schreiben, wenn etwas unklar bleibt. Nutze zum Beispiel: „Das kann ich aus der Quelle nicht sicher sagen.“ · „Offen bleibt, ob …“ · „Die Quelle sagt nicht, …“ · „Ich vermute, aber sicher ist nicht, dass …“

Wähle eine Person

Luzian West
* 30. März 1914, Rosheim (Elsass)
Beruf: Elektriker
Familie: verheiratet, zwei Kinder
Anlass: Briefe und Wehrkraftzersetzung
Wehrkraftzersetzung · Briefe
Michael Peschina
* 14. August 1902, Großtajax (Tschechien)
Beruf: Melker
Familie: verheiratet, drei Kinder
Anlass: Auslandssender und Denunziation
Denunziation · Auslandssender
Franz Adolf Martin
* 2. April 1920, Mannheim
Beruf: Landwirt / Soldat
Stationen: Militär, Haft, Niederlande
Anlass: unerlaubtes Fernbleiben / Desertion
Desertion · Flucht · Niederlande
Hilfekarte zur Biografiearbeit

Beginne deine Notizen mit diesen Satzanfängen: „In der Quelle steht …“, „Sicher belegt ist …“, „Ich vermute …, weil …“, „Offen bleibt …“. Schreibe offene Fragen ausdrücklich auf, statt sie zu erfinden.

Luzian West · Häftling im Strafgefangenenlager III Rhede/Brual

Text erarbeitet von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede auf Grundlage der Originalakte. Quelle: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 LIN II, Akz. 2009/007 Nr.289. Bereitgestellt von der Gedenkstätte Esterwegen (Dr. Weitkamp).

Dokument aus der Akte von Luzian West mit Aufnahmeersuchen
Ausschnitt aus der Akte zu Luzian West.Quellennachweis: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 LIN II, Akz. 2009/007 Nr. 289; bereitgestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen.
Luzian West wurde am 30. März 1914 als Sohn des Elektrikers Jakob West und seiner Ehefrau Anne West in Rosheim im Elsass geboren. Er ging vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr zur Volksschule, anschließend machte er eine Ausbildung zum Elektriker. Danach leistete er Wehrdienst als Pionier in der französischen Armee. Nach seiner Entlassung heiratete er. Am 11. September 1935 wurde er Vater eines Sohnes, drei Jahre später, am 18. August 1938, bekam die Familie eine Tochter.

Michael Peschina · Häftling im Strafgefangenenlager III Rhede/Brual

Text erarbeitet von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede auf Grundlage der Originalakte. Der Text ist in der Ich-Perspektive gehalten und beruht vollständig auf der Gefangenenakte. Quelle: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 Lin. II, Akz. 2009/007 Nr.583. Bereitgestellt von der Gedenkstätte Esterwegen (Dr. Weitkamp).

Urteilsdokument aus der Akte von Michael Peschina
Urteilsdokument aus der Akte zu Michael Peschina.Quellennachweis: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 Lin. II, Akz. 2009/007 Nr. 583; bereitgestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen.
Mein Name ist Michael Peschina. Ich bin am 14. August 1902 in Großtajax in Tschechien geboren. In meinem letzten Wohnort, Zwingenhof, habe ich als Melker gearbeitet. Mit meiner Frau Wilhelmine Schenk habe ich drei Kinder. Ich kaufte mir vor Kriegsbeginn einen Radioapparat, mit dem ich mehrere Auslandsstationen empfangen konnte.

Franz Adolf Martin · Häftling im Strafgefangenenlager III Rhede/Brual

Text erarbeitet von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede auf Grundlage der Originalakte. Der Text ist in der Ich-Perspektive gehalten und beruht auf der Strafakte. Quelle: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 Lin II, Akz. 2009/007 Nr.148. Bereitgestellt von der Gedenkstätte Esterwegen (Dr. Weitkamp).

Urteilsdokument aus der Akte von Franz Adolf Martin
Urteilsdokument aus der Akte zu Franz Adolf Martin.Quellennachweis: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 Lin II, Akz. 2009/007 Nr. 148; bereitgestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen.
Mein Name ist Franz Adolf Martin. Ich wurde am 2. April 1920 in Mannheim geboren. Ich war Reiter und ehemaliger Soldat. Meine Mutter hieß Emma, mein Vater Josef war Metzgereimeister. Ich besuchte die Volksschule und die Fortbildungsschule, dann lernte ich auf dem Edingerhof in Heidelberg Landwirtschaft. Am 15. März 1940 wurde ich zum Militär einberufen. Ich machte die Feldzüge in Frankreich und auf dem Balkan mit.

Bevor du weitergehst

Raum 4 · Arbeit und Alltag

Was bedeutete Haft im Lager III Brual-Rhede?

Das Emsland war kein Ort, den man zufällig wählte. Das Moor schuf Isolation – und bot gleichzeitig Arbeit, die das Regime als „Nutzen" für Deutschland darstellte: Entwässerung, Torfabbau, Straßenbau. Die Häftlinge schufen diese Infrastruktur mit ihren Händen.

Historische Aufnahme von Gefangenen bei Arbeiten im Moor
Historische Aufnahme von Arbeit im Moor.Bildnachweis: Ludgerusschule Rhede, Projekt Lager 3; Bilderseite: „Quelle: Privatsammlung Albert Vinke“. Die Einzelherkunft der NS-zeitlichen Aufnahme ist vor Weiterverwendung zu prüfen.
Aus den dokumentierten Bedingungen in Lager III

Je nach Jahreszeit mussten die Gefangenen acht bis zwölf Stunden täglich Zwangsarbeit leisten. Tätigkeiten umfassten Torfabbau, Entwässerungsarbeiten, Straßen- und Wegebau sowie den Ausbau des Brualer Schlootes (eines Entwässerungskanals). Die Verpflegung war schlecht, die medizinische Versorgung unzureichend – und auf Arbeitsfähigkeit ausgerichtet, nicht auf Gesundheit.

Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion

Zwangsarbeit in Lager III bedeutete nicht nur Moorarbeit. Mit Kriegsbeginn wurden Gefangene zunehmend in kriegswichtigen Betrieben und in der Landwirtschaft eingesetzt. 1944 ließ die Bremer Firma Klatte neben dem Strafgefangenenlager ein Werk errichten. Dort mussten Gefangene an Rüstungsgütern und Flugzeugteilen arbeiten.

Quelle: Ludgerusschule Rhede, Emslandlager Rhede. Didaktischer Hinweis: Hier lässt sich zeigen, dass Lager, regionale Wirtschaft und Krieg miteinander verbunden waren.

Was bedeutete das konkret? Die Biografie Michael Peschinas zeigt es: Als seine Hand erkrankte, war die zentrale Frage nicht, ob er litt – sondern ob er noch arbeiten konnte. Als sein Finger steif blieb, drohte die Amputation – nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern um seine Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Nur das Eingreifen eines Arztes (Dr. Hillmann) verhinderte die zwangsweise Amputation zunächst.

Quellenampel

Aufgabe 3 · Quellen bewerten Pflicht
Wie sicher sind die folgenden Aussagen? Ordne jede Aussage einer Kategorie zu:
🟢 Sicher belegt🟡 Wahrscheinlich / angedeutet🔴 Nicht belegbar / Spekulation
Gefangene in Lager III mussten täglich bis zu zwölf Stunden Zwangsarbeit im Moor leisten.
🟢 Sicher belegt. Die Arbeitszeiten sind in den Lagerdokumentationen und durch die Gedenkstätte Esterwegen nachgewiesen.
Luzian West hoffte, dass seine Familie von seiner Lage im Lager erfuhr.
🟡 Wahrscheinlich, aber nicht belegt. Aus seinen Briefen wissen wir, dass er seiner Familie verbunden war – doch was er im Lager hoffte oder dachte, zeigt keine Quelle. Wir deuten, nicht belegen.
Alle Wachmänner in Lager III handelten aus persönlichem Hass auf die Gefangenen.
🔴 Nicht belegbar – und problematisch. Eine pauschale Aussage über Motive ist historisch unzulässig. Das System schuf die Bedingungen für Gewalt – Einzelmotive waren verschieden. Die Akte zeigt, dass Dr. Hillmann Peschina schützte. Auch unter Tätern gab es Menschen, die Grenzen zogen.
Die medizinische Versorgung im Lager war auf Arbeitsfähigkeit ausgerichtet, nicht auf das Wohlergehen der Häftlinge.
🟢 Sicher belegt – durch den Fall Peschina. Die Amputation wurde erwogen, um seine „Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen". Das Gespräch über Entlassung kam, nachdem er „gute Arbeit geleistet" hatte. Menschen galten als Arbeitsmittel.
Franz Adolf Martin bereute seine Desertion aufrichtig.
🔴 Nicht belegbar. Die Strafakte zeigt Fakten – keine innere Haltung. Ob Martin seine Flucht bereute oder sie als richtige Entscheidung ansah, wissen wir nicht. Seine Biografie deutet eher auf einen Menschen hin, der handelte – und sich wehrte.
Quellen: Gedenkstätte Esterwegen, Nds. Landesarchiv Osnabrück, Ludgerusschule Rhede – Projekt Lager 3

Raum 5 · Erinnerung heute

Warum erinnert die Ludgerusschule Rhede heute an diesen Ort?

Lager III Brual-Rhede liegt nur wenige Kilometer von der Schule entfernt. Jahrzehnte lang war dieser Ort nahezu vergessen – kein Schild, kein Denkmal, kaum eine Erinnerung in der Gemeinde. Das änderte sich durch Menschen, die nicht vergessen wollten.

Auf Initiative von Albert Vinke und mit Unterstützung der Gedenkstätte Esterwegen, der Gemeinde Rhede und des Landkreises Emsland wurde der Ort neu gestaltet. Heute steht dort ein Erinnerungsort. Schülerinnen und Schüler der Ludgerusschule arbeiteten mit Scans von Originalakten, erarbeiteten Häftlingsbiografien und veröffentlichten ihre Ergebnisse online – damit die Namen nicht verschwinden.

Aktueller Erinnerungsort Lager III Brual-Rhede mit drei Informationstafeln am historischen Standort
Aktueller Erinnerungsort Lager III Brual-Rhede mit drei Informationstafeln am historischen Standort. Linke Tafel („Die Emslandlager“): Gibt eine allgemeine Übersicht und kartografische Einordnung über das gesamte Lagersystem im Emsland und der Grafschaft Bentheim. Mittlere Tafel („Strafgefangenenlager III Brual-Rhede“): Dokumentiert die konkrete Entstehungsgeschichte, den Lageraufbau und den Alltag am Standort des Lagers III. Rechte Tafel („Die Gefangenen“): Beleuchtet das Schicksal der inhaftierten Personen, illustriert durch biografische Einblicke und historische Aufnahmen. Vor den Tafeln abgelegte Blumen zeugen von der heutigen Erinnerungskultur vor Ort.Bildquelle: Ludgerusschule Rhede, „Gedanken zum Holocaust-Gedenktag“, veröffentlicht am 28.01.2024: ludgerusschule-rhede.de.
Aktuelle Orientierungskarte mit Route zwischen Ludgerusschule Rhede und Lager III Brual-Rhede
Aktuelle Orientierungskarte: Ludgerusschule Rhede und Standort Lager III Brual-Rhede.Kartennachweis: Screenshot einer OpenStreetMap-basierten Routenansicht. Nur als didaktische Orientierung verwenden; Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende.
Nachgeschichte des Ortes nach 1945

Der Ort hatte auch nach der Befreiung eine Geschichte. In der direkten Nachkriegszeit lebten dort zunächst polnische Soldaten und Zivilpersonen. Von 1953 bis 1961 wurde das ehemalige Lager als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Die zehn Baracken waren durchschnittlich mit etwa 280 Personen belegt; Dusch- und Bademöglichkeiten fehlten.

Quelle: Ludgerusschule Rhede, Emslandlager Rhede. Leitfrage: Wie verändert sich Erinnerung, wenn ein Ort mehrere historische Schichten hat?

Warum Erinnerung an die Emslandlager dringlich bleibt

Für die Kriegsgefangenenlager im Emsland wird geschätzt, dass etwa 14.250 bis 26.250 sowjetische Kriegsgefangene ums Leben kamen. Die Ludgerusschule verweist darauf, dass westliche Kriegsgefangene meist völkerrechtsgemäß behandelt wurden, während sowjetische Gefangene besonders schlecht behandelt wurden.

Quelle: Ludgerusschule Rhede, Emslandlager. Diese Zahl bezieht sich auf die Emslandlager insgesamt, nicht nur auf Lager III Brual-Rhede.

Weiterarbeit · Gedenkstätte und Literatur

Die Gedenkstätte Esterwegen erinnert an alle 15 Emslandlager und bietet Führungen, Studientage, Vorträge, Seminare, Projekttage und Lehrerfortbildungen an.

Für Lehrkräfte ist besonders geeignet: Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933-1945, 5. Auflage 2025, herausgegeben im Auftrag der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen.

Bildungsangebote der Gedenkstätte Esterwegen öffnen
Literaturhinweise der Gedenkstätte Esterwegen öffnen

Lokaler Bezug Vertiefung
Schau dir die Karte an. Was verändert sich, wenn man erkennt, dass dieser Ort in der Nähe der Schule liegt?
Warum ist lokale Geschichte manchmal schwerer wahrzunehmen als weit entfernte Geschichte?
Hilfekarte

Du kannst so beginnen: „Für mich verändert die Nähe zur Schule …“ oder „Lokale Geschichte ist schwer wahrzunehmen, weil …“.

Ziel des Projekts

„Die Inhalte sollen künftig überarbeitet, erneuert und ergänzt werden, damit ein lebendiger Erinnerungsort entsteht." — Ludgerusschule Rhede, Projekt Lager 3

Erinnerung ist keine Aufgabe, die man einmal erledigt. Sie muss immer wieder neu gelebt werden – durch Menschen, die die Geschichten weitertragen. Durch dich.

Deine Reflexion

Hilfekarte zur Reflexion

Du musst keine perfekte Antwort schreiben. Wichtig ist, dass du zwischen Information, Gefühl und offener Frage unterscheidest. Satzanfänge: „Beschäftigt hat mich …“, „Nicht klären konnte ich …“, „Für Rhede bedeutet das …“.

Was hat dich in dieser Lerneinheit am meisten beschäftigt?
Was zeigen die Quellen – und was zeigen sie nicht?
Was bedeutet ein Erinnerungsort wie dieser für eine Gemeinde wie Rhede?
Abschlussgespräch Pflicht
Bereitet euch auf ein kurzes Gespräch im Plenum oder in Partnerarbeit vor.
  1. Welche Information aus einer Biografie bleibt dir besonders im Kopf?
  2. Welche Frage konnte die Quelle nicht beantworten?
  3. Was sollte ein Erinnerungsort leisten: informieren, warnen, trauern, Namen sichtbar machen oder Fragen stellen?

Dein Erinnerungsbaustein

Wähle zuerst eine Form der Erinnerung. Danach formulierst du deinen Baustein.

Vervollständige einen der folgenden Sätze – oder schreib deinen eigenen:

„An [Name] sollte erinnert werden, weil …"  ·  „Diese Geschichte hat mir gezeigt, dass …"  ·  „Was ich von hier mitnehme: …"

Wenn dein Text später veröffentlicht werden soll, wird er vorher geprüft. Veröffentlicht werden keine vollständigen Namen von Schüler*innen ohne Zustimmung.
Weiterführende Informationen

Gedenkstätte Esterwegen · gedenkstaette-esterwegen.de
Ludgerusschule Rhede – Projekt Lager 3 · ludgerusschule-rhede.de/projekt-lager-3
Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück · Rep. 947 LIN II

Selbstcheck

Ich kann erklären …

Bild- und Kartennachweise

Die historischen Projektfotos werden auf der Bilderseite der Ludgerusschule mit „Quelle: Privatsammlung Albert Vinke“ ausgewiesen. Karten und Aktenausschnitte stammen aus dem Projektzusammenhang der Ludgerusschule Rhede und den dort genannten Quellen. Für jede Weiterverwendung außerhalb dieser Lernseite sollten die Einzelrechte der jeweiligen Abbildung geprüft werden.

Hinweis für Lehrkräfte

Eine aktualisierte Lehrerhandreichung ist über den Link in der Kopfzeile erreichbar. Sie enthält Hinweise zu Zeitplanung, Differenzierung, Bild- und Quellenarbeit sowie Kopiervorlagen.

Erarbeitet von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede (Ems) auf Grundlage von Originalakten aus dem Niedersächsischen Landesarchiv Osnabrück (Rep. 947 LIN II), bereitgestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen (Dr. Weitkamp). Ergänzende Quellen: DIZ Emslandlager, Gedenkstätte Esterwegen, Ludgerusschule Rhede · Projekt Lager 3. Digitale Lerneinheit · Stand 2026.