Du betrittst ein digitales Archivzimmer. Darin liegen Fragmente: Aktenauszüge, Biografiestücke, historische Informationen, Reflexionsfragen. Deine Aufgabe lautet: Rekonstruiere eine Lebensgeschichte. Finde heraus, was die Quellen zeigen, was offenbleibt und woran erinnert werden muss.
1 · Der Ort
2 · Das System
3 · Eine Biografie
4 · Arbeit & Alltag
5 · Erinnerung heute
Dauer: ca. 60–75 Minuten. Deine Eingaben werden im Browser gespeichert und können am Ende ausgedruckt werden.
Wichtig: Das Ausfüllen der Biografie-Karte in Raum 3 ist das Herzstück dieser Lerneinheit. Plane dafür bewusst Zeit ein.
Für eine 60–75-Minuten-Einheit empfiehlt sich: Raum 1 und 2 zügig bearbeiten, Raum 3 deutlich länger einplanen und die Biografie-Karte als zentrales Arbeitsergebnis sichern. Raum 5 sollte als gemeinsames Nachgespräch abgeschlossen werden.
Heute arbeitet ihr mit Lebensgeschichten realer Menschen. Die Texte beruhen auf historischen Akten. Akten zeigen viel, aber nie den ganzen Menschen. Unser Ziel ist nicht, möglichst schnell fertig zu werden. Unser Ziel ist, sorgfältig zu rekonstruieren und würdig zu erinnern. Das wichtigste Ergebnis ist eure Biografie-Karte.
| Raum | Erwartbare Erkenntnis |
|---|---|
| Raum 1 | Lager III wechselte von geplanter KL-Funktion zu einem Strafgefangenenlager unter Justizverwaltung. |
| Raum 2 | Die Emslandlager waren ein System mit wechselnden Funktionen zwischen 1933 und 1945. |
| Raum 3 | Biografien lassen sich aus Quellen rekonstruieren, bleiben aber lückenhaft. |
| Raum 4 | Haft bedeutete Zwangsarbeit, körperliche Belastung, Entrechtung und Gewalt. |
| Raum 5 | Erinnerung ist lokale Verantwortung und muss immer wieder aktiv gestaltet werden. |
Für unterstützungsbedürftige Gruppen: nur eine Biografie bearbeiten, Hilfekarten verpflichtend nutzen, Partnerlesen einsetzen, Audio zuerst hören und anschließend den Text lesen, Biografie-Karte mit Satzanfängen ausfüllen.
Für stärkere Gruppen: zwei Biografien vergleichen, Quellenkritik vertiefen, lokale Erinnerungskultur beurteilen oder eine eigene Frage an die Gedenkstätte formulieren.
In der Gemeinde Rhede im Emsland, unweit der niederländischen Grenze, befand sich zwischen 1933 und 1945 das Strafgefangenenlager III Brual-Rhede. Es war eines von insgesamt fünfzehn Lagern, die das NS-Regime im Emsland errichtete – auf damals weitgehend unbewohntem Moorgebiet, fernab von Städten, schwer einsehbar.
Das Lager wurde 1933 zunächst als Konzentrationslager für bis zu 1.000 Häftlinge geplant. Ab Mai 1934 übernahm die Reichsjustizverwaltung die Kontrolle und nutzte es als Strafgefangenenlager. Die ersten Bewacher waren SA-Einheiten – später übernahmen Justizbeamte. Die Häftlinge kamen nicht mehr nur wegen ihrer politischen Überzeugung ins Lager: Unter ihnen waren auch verurteilte Strafgefangene, Männer, die gegen NS-Gesetze verstoßen hatten, oft wegen Handlungen, die in einem anderen politischen System keine Straftaten gewesen wären.
Das Lager befand sich auf dem Gebiet der Gemeinde Rhede, nahe dem Ort Brual. Heute erinnert ein Gedenkort an diesem Platz an die Geschichte des Lagers und die Menschen, die dort inhaftiert waren. Der Erinnerungsort wurde durch die Initiative von Albert Vinke, mit Unterstützung der Gedenkstätte Esterwegen, der Gemeinde Rhede und des Landkreises Emsland neu gestaltet.
Lager III Brual-Rhede war kein Einzelfall. Es war Teil eines Systems aus fünfzehn Lagern, die das NS-Regime zwischen 1933 und 1945 im dünn besiedelten Emsland errichtete. Die Abgeschiedenheit war kein Zufall: Das Moor schuf natürliche Isolation. Die Häftlinge sollten „Kulturarbeit" leisten – Entwässerung und Urbarmachung eines Landstrichs, der bis dahin kaum bewohnt war.
Die Lager veränderten sich über die Zeit: ihre Funktion, ihre Bewohner, ihre Verwaltung. Heute steht in Esterwegen eine Gedenkstätte, die an alle fünfzehn Lager erinnert.
Der politische Häftling Alfred Weidenmüller wurde 1937 mit etwa 300 weiteren Gefangenen nach Brual-Rhede eingeliefert. In seiner Erinnerung beschreibt er wöchentliche Erniedrigungen vor der Kommandantur. Ein kurzer, quellenkritisch zu besprechender Ausschnitt lautet: „Du bist ein Herrenhund, und ich ein Schweinehund.“
Quelle: DIZ Emslandlager, Lager III Brual-Rhede. Die Aussage sollte nicht nachgespielt werden, sondern als Quelle über Lagergewalt, Demütigung und Machtverhältnisse gelesen werden.
Esterwegen · Börgermoor · Neusustrum · Brual-Rhede · Walchum · Oberlangen · Versen · Groß Hesepe · Bathorn · Fullen · Wietmarschen · Alexisdorf · Aschendorfermoor · Dalum · Wesuwe — alle im heutigen Landkreis Emsland, Niedersachsen.
Denke an drei Ebenen: Wer war im Lager? Wer verwaltete das Lager? Welche Funktion hatte das Lager? Beginne zum Beispiel mit: „Verändert hat sich …“ oder „Gleich blieb …“.
In diesem Raum wählst du eine Person aus, deren Akte im Niedersächsischen Landesarchiv Osnabrück erhalten ist. Die Texte wurden von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede auf Grundlage der Originalakten erarbeitet. Du liest die Biografie in Abschnitten – und füllst gleichzeitig eine Biografie-Karte aus.
Nimm dir für diesen Raum besonders viel Zeit. Die Biografie-Karte ist das wichtigste Arbeitsergebnis dieser Lerneinheit. Lies nicht nur weiter, sondern halte nach jedem Abschnitt fest: Was weiß ich jetzt über die Person? Was bleibt offen?
Eine Akte zeigt, was Behörden über einen Menschen festgehalten haben. Sie zeigt nicht den ganzen Menschen. Deshalb ist Biografiearbeit immer auch vorsichtiges Fragen: Was sehen wir? Was fehlt? Wer spricht in der Quelle?
Nds. Landesarchiv Osnabrück: Dort werden historische Akten aufbewahrt. Rep. / Akz. / Nr.: Das ist eine Art Adresse, mit der man eine bestimmte Akte wiederfinden kann. Gedenkstätte Esterwegen: Sie hat die Akten für das Schulprojekt bereitgestellt.
Viele Informationen stammen aus Gerichts- oder Gefangenenakten. Diese Akten wurden von Behörden erstellt. Sie zeigen oft die Sicht der Justiz oder Verwaltung, nicht unbedingt die Sicht der betroffenen Person. Achte deshalb darauf, wer etwas aufgeschrieben hat und wessen Stimme fehlt.
Du darfst ausdrücklich schreiben, wenn etwas unklar bleibt. Nutze zum Beispiel: „Das kann ich aus der Quelle nicht sicher sagen.“ · „Offen bleibt, ob …“ · „Die Quelle sagt nicht, …“ · „Ich vermute, aber sicher ist nicht, dass …“
Beginne deine Notizen mit diesen Satzanfängen: „In der Quelle steht …“, „Sicher belegt ist …“, „Ich vermute …, weil …“, „Offen bleibt …“. Schreibe offene Fragen ausdrücklich auf, statt sie zu erfinden.
Text erarbeitet von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede auf Grundlage der Originalakte. Quelle: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 LIN II, Akz. 2009/007 Nr.289. Bereitgestellt von der Gedenkstätte Esterwegen (Dr. Weitkamp).
Text erarbeitet von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede auf Grundlage der Originalakte. Der Text ist in der Ich-Perspektive gehalten und beruht vollständig auf der Gefangenenakte. Quelle: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 Lin. II, Akz. 2009/007 Nr.583. Bereitgestellt von der Gedenkstätte Esterwegen (Dr. Weitkamp).
Text erarbeitet von Schülerinnen und Schülern der Ludgerusschule Rhede auf Grundlage der Originalakte. Der Text ist in der Ich-Perspektive gehalten und beruht auf der Strafakte. Quelle: Nds. Landesarchiv Osnabrück, Rep. 947 Lin II, Akz. 2009/007 Nr.148. Bereitgestellt von der Gedenkstätte Esterwegen (Dr. Weitkamp).
Das Emsland war kein Ort, den man zufällig wählte. Das Moor schuf Isolation – und bot gleichzeitig Arbeit, die das Regime als „Nutzen" für Deutschland darstellte: Entwässerung, Torfabbau, Straßenbau. Die Häftlinge schufen diese Infrastruktur mit ihren Händen.
Je nach Jahreszeit mussten die Gefangenen acht bis zwölf Stunden täglich Zwangsarbeit leisten. Tätigkeiten umfassten Torfabbau, Entwässerungsarbeiten, Straßen- und Wegebau sowie den Ausbau des Brualer Schlootes (eines Entwässerungskanals). Die Verpflegung war schlecht, die medizinische Versorgung unzureichend – und auf Arbeitsfähigkeit ausgerichtet, nicht auf Gesundheit.
Zwangsarbeit in Lager III bedeutete nicht nur Moorarbeit. Mit Kriegsbeginn wurden Gefangene zunehmend in kriegswichtigen Betrieben und in der Landwirtschaft eingesetzt. 1944 ließ die Bremer Firma Klatte neben dem Strafgefangenenlager ein Werk errichten. Dort mussten Gefangene an Rüstungsgütern und Flugzeugteilen arbeiten.
Quelle: Ludgerusschule Rhede, Emslandlager Rhede. Didaktischer Hinweis: Hier lässt sich zeigen, dass Lager, regionale Wirtschaft und Krieg miteinander verbunden waren.
Was bedeutete das konkret? Die Biografie Michael Peschinas zeigt es: Als seine Hand erkrankte, war die zentrale Frage nicht, ob er litt – sondern ob er noch arbeiten konnte. Als sein Finger steif blieb, drohte die Amputation – nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern um seine Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Nur das Eingreifen eines Arztes (Dr. Hillmann) verhinderte die zwangsweise Amputation zunächst.
Lager III Brual-Rhede liegt nur wenige Kilometer von der Schule entfernt. Jahrzehnte lang war dieser Ort nahezu vergessen – kein Schild, kein Denkmal, kaum eine Erinnerung in der Gemeinde. Das änderte sich durch Menschen, die nicht vergessen wollten.
Auf Initiative von Albert Vinke und mit Unterstützung der Gedenkstätte Esterwegen, der Gemeinde Rhede und des Landkreises Emsland wurde der Ort neu gestaltet. Heute steht dort ein Erinnerungsort. Schülerinnen und Schüler der Ludgerusschule arbeiteten mit Scans von Originalakten, erarbeiteten Häftlingsbiografien und veröffentlichten ihre Ergebnisse online – damit die Namen nicht verschwinden.
Der Ort hatte auch nach der Befreiung eine Geschichte. In der direkten Nachkriegszeit lebten dort zunächst polnische Soldaten und Zivilpersonen. Von 1953 bis 1961 wurde das ehemalige Lager als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Die zehn Baracken waren durchschnittlich mit etwa 280 Personen belegt; Dusch- und Bademöglichkeiten fehlten.
Quelle: Ludgerusschule Rhede, Emslandlager Rhede. Leitfrage: Wie verändert sich Erinnerung, wenn ein Ort mehrere historische Schichten hat?
Für die Kriegsgefangenenlager im Emsland wird geschätzt, dass etwa 14.250 bis 26.250 sowjetische Kriegsgefangene ums Leben kamen. Die Ludgerusschule verweist darauf, dass westliche Kriegsgefangene meist völkerrechtsgemäß behandelt wurden, während sowjetische Gefangene besonders schlecht behandelt wurden.
Quelle: Ludgerusschule Rhede, Emslandlager. Diese Zahl bezieht sich auf die Emslandlager insgesamt, nicht nur auf Lager III Brual-Rhede.
Die Gedenkstätte Esterwegen erinnert an alle 15 Emslandlager und bietet Führungen, Studientage, Vorträge, Seminare, Projekttage und Lehrerfortbildungen an.
Für Lehrkräfte ist besonders geeignet: Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933-1945, 5. Auflage 2025, herausgegeben im Auftrag der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen.
Bildungsangebote der Gedenkstätte Esterwegen öffnen
Literaturhinweise der Gedenkstätte Esterwegen öffnen
Du kannst so beginnen: „Für mich verändert die Nähe zur Schule …“ oder „Lokale Geschichte ist schwer wahrzunehmen, weil …“.
„Die Inhalte sollen künftig überarbeitet, erneuert und ergänzt werden, damit ein lebendiger Erinnerungsort entsteht." — Ludgerusschule Rhede, Projekt Lager 3
Erinnerung ist keine Aufgabe, die man einmal erledigt. Sie muss immer wieder neu gelebt werden – durch Menschen, die die Geschichten weitertragen. Durch dich.
Du musst keine perfekte Antwort schreiben. Wichtig ist, dass du zwischen Information, Gefühl und offener Frage unterscheidest. Satzanfänge: „Beschäftigt hat mich …“, „Nicht klären konnte ich …“, „Für Rhede bedeutet das …“.
Wähle zuerst eine Form der Erinnerung. Danach formulierst du deinen Baustein.
Vervollständige einen der folgenden Sätze – oder schreib deinen eigenen:
„An [Name] sollte erinnert werden, weil …" · „Diese Geschichte hat mir gezeigt, dass …" · „Was ich von hier mitnehme: …"
Gedenkstätte Esterwegen · gedenkstaette-esterwegen.de
Ludgerusschule Rhede – Projekt Lager 3 · ludgerusschule-rhede.de/projekt-lager-3
Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück · Rep. 947 LIN II
Ich kann erklären …
Die historischen Projektfotos werden auf der Bilderseite der Ludgerusschule mit „Quelle: Privatsammlung Albert Vinke“ ausgewiesen. Karten und Aktenausschnitte stammen aus dem Projektzusammenhang der Ludgerusschule Rhede und den dort genannten Quellen. Für jede Weiterverwendung außerhalb dieser Lernseite sollten die Einzelrechte der jeweiligen Abbildung geprüft werden.
Eine aktualisierte Lehrerhandreichung ist über den Link in der Kopfzeile erreichbar. Sie enthält Hinweise zu Zeitplanung, Differenzierung, Bild- und Quellenarbeit sowie Kopiervorlagen.